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Judith Pühringer https://judith-puehringer.at Was mich beschäftigt. Was mich bewegt. Was mich innehalten lässt. Was mich antreibt. Thu, 16 Jul 2020 13:11:04 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.16 https://judith-puehringer.at/wp-content/uploads/2020/06/cropped-JP_FAVICON-32x32.png Judith Pühringer https://judith-puehringer.at 32 32 Vom Wert der Arbeit https://judith-puehringer.at/?p=172 Tue, 16 Jun 2020 19:18:44 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=172
Foto: Kepler Universitätsklinikum

Learnings im Jetzt.
Notizen für Danach.
Vom Wert der Arbeit.

In den letzten Tagen, gefühlt sind es Wochen, komme ich kaum nach mit Beobachtungen über diese Krise. Einer der augenfälligsten Erkenntnisse betrifft das Thema Arbeit und den Wert von Arbeit in unserer Gesellschaft.

“Systemrelevanz” bekommt eine ganz neue Bedeutung. Anders als 2008. Von “too big to fail” zu “too important to fail”. Eine der drei Ausnahmen der Ausgangsbeschränkungen gilt für jene, die gerade systemrelevante Arbeit erledigen müssen. Es sind jene, die dafür sorgen, dass Menschen ärztlich und in Krankenhäusern versorgt werden, gepflegt werden, dass Kinder in Schulen und Kindergärten betreut werden, deren Eltern systemrelevante Berufe ausüben. Es sind die, die in den Supermärkten arbeiten, die Nerven nicht verlieren bei irrationalen Anstürmen auf Lebensmittel, es sind die, die in betreuten Wohnformen, in Pflegeheimen, mit ausgegrenzten Menschen, mit wohnungslosen Menschen arbeiten. Es sind die Menschen im AMS, die tausende Anträge auf Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit bearbeiten. Es sind die, die den öffentlichen Verkehr und die Grundbedürfnisse von Menschen in einem Land am Leben halten. Es sind die Hebammen, die daheim und in Krankenhäusern Babies auf die Welt begleiten, es sind die, die Sterbende auf ihrem letzten Weg begleiten.

Es sind Menschen in Sozial- und Gesundheitsberufen, die mit ihren Forderungen nach kürzerer Arbeitszeit und mehr Gehalt gegen Wände gelaufen sind.

Und da sind auch die, die (weiterhin) Sorgearbeit übernehmen. Die 24h Pfleger*innen, die über die Grenzen kommen, die Menschen (und es sind vor allem Frauen), die in der Familie Angehörige pflegen, die, die Kinder betreuen, jetzt gerade jonglierend mit Home-Office und viele auch alleine.

Erinnern wir uns nach der Krisenzeit an diese Systemerhalter*innen. Sie sind die Leistungsträger*innen in unserer Gesellschaft. Nicht nur in der Corona-Krise. Immer.

Sie brauchen nicht nur Dank, sie brauchen bessere Bedingungen, Bezahlung, Absicherung, Anerkennung.

Deshalb brauchen wir dringend eine Neudefinition von Arbeit – was das heißt, spüren wir alle gerade deutlich. Wir brauchen eine neue, faire Bewertung und Bezahlung von genau dieser Art von systemrelevanter Arbeit und dann eine gerechte Verteilung: zwischen denen, die keine Erwerbsarbeit haben und denen, die zu viel haben. Zwischen Männern und Frauen. Fair verteilt entlang der Lebensphasen. Ausserdem brauchen wir soziale Sicherungssysteme, die diesen Realitäten gerecht wird, Sorgearbeit entsprechend absichert und anerkennt.

18.03.2020

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Über soziale Innovation https://judith-puehringer.at/?p=177 Tue, 16 Jun 2020 19:20:22 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=177
Foto: Judith Pühringer

Über Soziale Innovation

Die erste Definition von sozialer Innovation stammt aus den 1980er Jahren von Wolfgang Zapf und Peter Drucker. Soziale Innovationen sind demnach neue Wege, Ziele zu erreichen – neue Organisationsformen und neue Lebensstile, die die Richtung des sozialen Wandels verändern, Probleme besser lösen und die es wert sind, nachgeahmt und institutionalisiert zu werden.

Seither gewinnt das Konzept europa- und weltweit an Bedeutung. “The future of Innovation is Social Innovation” hat Carlos Moedas, Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation gesagt und damit betont, dass angesichts der “Grand Challenges”, der großen Herausforderungen unserer Zeit wie die demographische Entwicklung, das Thema Arbeit, die Klimakrise und Digitalisierung unser Fokus auf den sozialen Innovationen sein muss, nicht mehr bei den technischen Innovationen alleine.

Der Begriff birgt aber auch eine Gefahr: Soziale Innovation heisst schnell einmal, dass nur Neues besser ist, dass nur Billigeres besser ist oder dass innovativ immer heissen muss, dass der Markt es regelt. Ich sehe das anders.

Ich verstehe Soziale Innovation so, dass wir auf die großen Herausforderungen der Zukunft Antworten geben müssen, die von möglichst vielen unterschiedlichen Akteur*innen gemeinsam gegeben werden: Nutzer*innen müssen eingebunden werden, Politik, Zivilgesellschaft, Bürger*innen und Unternehmen gemeinsam müssen an tragfähigen Lösungen arbeiten und das mit neuen Methoden. Genau das passiert schon an vielen Ecken in ganz Europa: machbare und lebbare Utopien im kleinen und großen.

In Frankreich gibt es “Territoires zero chômeur de longue durée”, Regionen ohne Langzeitarbeitslosigkeit. Das Ziel ist, Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen und gleichzeitig regionale Infrastruktur zu erhalten. In einem Konsortium kooperieren Gemeinden, Unternehmen und Bürger*innen, um das Ziel gemeinsam zu erreichen.

In Großbritannien gibt es in Preston ein Modell einer Stadt, die durch den gezielten Aufbau lokaler und regionaler wirtschaftlicher Strukturen Wohlstand und Gemeinwohl schafft. Durch innovative öffentliche Beschaffung nach sozialen, regionalen und ökologischen Kriterien wird “community wealth” aufgebaut und in der Region gehalten.

In Flandern wird erfolgreich ReUse und Arbeitsmarktintegration kombiniert: Durch eine enge Kooperation der Kommunen, der Sozialwirtschaft und der Abfallwirtschaft werden Arbeitsplätze für langzeitarbeitslose Menschen geschaffen und gleichzeitig die Kreislaufwirtschaft gestärkt.

Was das für Wien heißt? Wien kann Sozialhauptstadt sein – Welthauptstadt für Soziale Innovation.

Mit einer innovativen Arbeitsmarktpolitik, die nicht mehr vom 1., 2. und 3. Arbeitsmarkt spricht, sondern von einem Arbeitsmarkt für Alle.

Mit einer innovativen Vergabepolitik in der Stadt, die soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt und einen bestimmten Prozentsatz der öffentlichen Vergabe nach genau solchen Kriterien vergibt.

Mit einer innovativen Kultur von Beteiligung und Ko-Kreation, die die Weisheit der Vielen nützt und alle Akteur*innen einbindet und verbindet.

Mit einem innovativen Zugang zu Digitalisierung, die davon ausgeht, dass es auch beim Thema Digitalisierung immer um Beteiligung und Inklusion geht.

13.2.2020

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Zivilgesellschaft und ihre Strukturen https://judith-puehringer.at/?p=162 Tue, 16 Jun 2020 19:04:27 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=162
Foto: Judith Pühringer

Learnings im Jetzt. Notizen für Danach.
Von der (organisierten) Zivilgesellschaft und ihren Strukturen.

Die organisierte Zivilgesellschaft ist Teil des Wirtschaftssystems, sie erbringt Leistungen zum Nutzen der Gesellschaft, im Zentrum stehen soziale und arbeitsmarktpolitische Herausforderungen, besonders soziale und arbeitsmarktpolitische Dienstleistungen für und mit Menschen.

Diese besonderen Leistungen erbringen tausende Organisationen, gemeinnützige Stiftungen, soziale Unternehmen und Social Enterprises in Österreich, die gemeinnützig und gemeinwohlorientiert arbeiten, die Gewinne erwirtschaften und diese in ihre gemeinnützigen Ziele reinvestieren. Sie versammeln rund 2,3 Millionen Freiwillige und 250.000 Beschäftigte in ihren Organisationen.

Dieser gemeinnützige Sektor, der Dritte Sektor, die Sozialwirtschaft, die Non-Profit-Organisationen wurde in der Vergangenheit von der Politik oft ignoriert und manchmal sogar attackiert. Diesen Sektor braucht es JETZT und nach der Krise so dringend wie nie.

Genau diese gemeinnützigen Organisationen sind es, die in der Krise und nach der Krise gefordert sein werden, #AufbauArbeit zu leisten: vor allem für den Arbeitsmarkt, der extrem unter Druck gerät durch eine Vielzahl an arbeitslosen Menschen. Dieser Sektor hat aber auch die Kraft und das Potential, das gesamte System neu zu denken und neu aufzubauen: mit sozialen Innovationen im Bereich der Pflege, der Bildung, im Bereich der Care-Arbeit, im Bereich der Nachbarschaftshilfe, im Bereich der regionalen Infrastruktur und Versorgung, im Bereich des gerechten Übergangs hin zu einer sozial-ökologischen Wende und im Bereich der digitalen Inklusion.

Wir lernen alle gerade unglaublich viel, in unglaublicher Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit. Wir erkennen unsere Verletzlichkeit und Verwundbarkeit als Menschen und als Gesellschaft. Wir lernen, wie schnell wir uns umstellen und organisieren können. Wir lernen, wie wichtig soziale Netzwerke und Solidarität sind. Wie entscheidend regionale Nahversorgung ist. Was für einen Unterschied nachbarschaftliche Hilfe macht. Was der Wert von Arbeit ist. Wie ungleich Arbeit verteilt ist. Dass Arbeit so viel mehr als Erwerbsarbeit ist. Wer die Leistungsträger*innen in unserer Gesellschaft eigentlich sind. Wie wichtig ein sozialpartnerschaftlicher Zusammenschluss ist. Wir lernen auch, wie man flexibel, schnell und unbürokratisch agiert und hilft.

All das sind soziale Innovationen, die wir uns nicht erst ausdenken müssen, sondern die unmittelbar entstehen und umgesetzt werden.

Die Herausforderung wird sein, all diese Innovationen zu erkennen, zu bewahren und nachhaltig in Strukturen zu verankern. Diese Strukturen gibt es schon, sie sind schon angelegt in diesen großen und kleinen, zentralen und regionalen Netzwerken von gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen.

Gemeinnützige Organisationen und die Sozialwirtschaft brauchen jetzt:

* Soforthilfe durch das großartige Instrument der Corona-Kurzarbeit

* Sicherung der bestehenden Verträge und Strukturen durch das AMS für arbeitsmarktpolitische Unternehmen und Organisationen

* Härtefallfonds auch für Non-Profit-Organisationen (es gibt seit heute einen Antrag im Nationalrat dazu, das ist großartig und so wichtig!)

* Ministeriumsübergreifendes Commitment, Abstimmung und Zusammenarbeit, um die Organisationen der Zivilgesellschaft, die es zum Wiederaufbau des Arbeitsmarkts braucht, einzubinden

* Wirtschaftliche Hilfsprogramme an soziale, gemeinwohlorientierte und ökologische Kriterien knüpfen und Unternehmen bevorzugen, die in diesem Sinne wirtschaften und handeln

* Soziale Innovation muss als Investitionspriorität in der neuen ESF-Periode 2021 bis 2017 festgelegt werden

* Ein EU-Recovery-Programm nach der Corona-Krise, das soziales, regionales und nachhaltiges Wirtschaften und soziale Innovation fördert und entsprechende Finanzierungsinstrumente vorsieht, die auf nationaler Ebene umgesetzt werden können

20.03.2020

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Frauenrechte sind Menschenrechte https://judith-puehringer.at/?p=449 Thu, 02 Jul 2020 22:59:44 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=449
Foto: Unbekannt

Frauenrechte sind Menschenrechte

Das Recht auf Bildung, auf Arbeit und auf Existenzsicherung, auf soziale Sicherheit, auf körperliche Unversehrtheit, auf Selbstbestimmung, Gleichbehandlung, auf politische Mitbestimmung und auf Gleichstellung ist ein Frauenrecht und ein Menschenrecht.

Gerade beim Thema Arbeit und am Arbeitsmarkt zeigt sich die strukturelle Benachteiligung von Frauen sehr deutlich. Im Lauf eines Frauenlebens gibt es unzählige Klüfte, die sich auftun: Der Gender Pay Gap, der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, betrug gemessen an Bruttostundenlöhnen in Österreich zuletzt knapp 20 Prozent. Der Gender Pension Gap, also der durchschnittliche Unterschied in den Bezügen von Alterspensionen, macht mehr als 50% aus. Der Gender Time Gap zeigt, dass Frauen etwa 22% weniger bezahlte Wochenarbeitsstunden leisten als Männer – denn sie übernehmen nach wie vor einen Großteil der unbezahlten und unsichtbaren Sorgearbeit.

Politisch brauchen wir ein Sichtbarmachen und Schliessen dieser Klüfte durch:

* Gehaltstransparenz in Unternehmen, Schliessen des Gender Pay Gaps
* Umfassende Definition von Arbeit (als Sorge-Arbeit, Freiwilligenarbeit und Erwerbsarbeit), Anerkennung von Arbeit und Verteilung von allen Dimensionen von Arbeit
* Bekämpfung von Altersarmut von Frauen und neue Modelle staatlicher Absicherung
* Umverteilung von Arbeit durch innovative Lebensarbeitszeitmodelle
* Beauftragung einer neuen Zeitverwendungsstudie (wer verbringt wieviel Zeit mit bezahlter und unbezahlter Arbeit?)

Im neuen Themenpapier von arbeit plus werden auf knapp 40 Seiten zahlreiche Impulse für eine gendergerechte Arbeitsmarktpolitik vorgestellt: Themenpapier “Frauen am Erwerbsarbeitsmarkt” herunterladen (.pdf)

Einen kämpferischen und solidarischen #Weltfrauentag euch allen!

8.3.2020

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Über Armut https://judith-puehringer.at/?p=175 Tue, 16 Jun 2020 19:19:39 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=175
Foto: Vedran Pilipović

Über Armut

Morgen ist die Listenwahl der Wiener Grünen. Ich war 15 Jahre lang in der Österreichischen Armutskonferenz engagiert. Gestern habe ich in meiner letzten Sitzung des Koordinationsteams meine Funktion zurückgelegt. Da fehlen mir ein bisschen die Worte.

Die Armutskonferenz ist mit Sicherheit das beeindruckendste, fachlichste, wendigste und kompromissloseste Netzwerk im Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung, das ich kenne. Und ausserdem sind einige der schönsten Freundschaften hier entstanden, liebe Michaela Moser, lieber Martin Schenk, lieber Michael Felten und lieber Werner Binnenstein-Bachstein und lieber Hansjörg Schlechter!

Bitte kommt alle zur 12. Armutskonferenz am 9. bis 11.3.2020 nach St. Virgil.

Warum du dabei sein solltest?

  1. Weil es Demokratie von unten braucht.
  2.  Weil dabei jede einzelne Stimme zählt.
  3.  Weil Politik nicht den Eliten überlassen werden darf!
  4.  Weil es dazu spannende Inputs und Diskussionen geben wird
  5.  Und einen Teilnehmer*innen-Mix aus u.a. Menschen mit Armutserfahrungen, Sozialarbeiter*innen, Armutsforscher*innen, Beamt*innen und Politiker*innen.
  6. Weil wir nur gemeinsam gegen Armut und Ungleichheit und für die Mitbestimmung aller kämpfen wollen
  7.  Weil Armutsbekämpfung dringend ist, the Poor can not wait!

Auf Menschen in prekären Situationen, Menschen in Armut und Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit lastet extrem viel Druck, Stress und Scham.

Warum wird eigentlich Politik gegen Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gemacht?

Dieser und anderen klugen Fragen bin ich im “Warum eigentlich?” Podcast von Arbeit&Wirtschaft mit Sara Hassan auf den Grund gegangen. Danke für die Einladung zum feinen Gespräch!

Den im Podcast erwähnten Leitfaden der Die Armutskonferenz. – EAPN Austria”Tu was gegen Beschämung”, der hilfreiche Hinweise enthält, wie sich Betroffene organisieren und sich Unterstützung holen können und wie wir uns gemeinsam gegen Beschämung einsetzen können, findet ihr hier: Leitfaden “Tu was gegegen Beschämung” herunterladen (.pdf)

Es gibt eine zweiten hilfreichen Leitfaden der Armutskonferenz “Auf Augenhöhe”, der sich an alle Menschen richtet, die beruflich mit dem Thema Beschämung zu tun haben: Leitfaden “Auf Augehöhe” herunterladen (.pdf) .

Hier kann man die Podcast-Folge nachhören auf Spotify oder als .mp3

14.2.2020

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Über Erinnerungskultur https://judith-puehringer.at/?p=467 Thu, 02 Jul 2020 23:26:37 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=467
Bild: Projekt Herklotzgasse 21

Über Erinnerungskultur

Das Video zur Kandidatur auf der Landesliste der Wiener Grünen ist an dem Ort entstanden, an dem ich die meiste berufliche Zeit verbracht habe: die Herklotzgasse 21 im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Vor über 15 Jahre sind wir in eine Bürogemeinschaft in der Herklotzgasse 21 gezogen und hatten von der ersten Sekunde an den Eindruck, dass das ganze Haus unglaubliche Geschichte(n) atmet, die aber unbekannt und fragmentarisch waren.

Die erste Person, die uns auf eine Spur zu den Menschen bringt, die in unserem Grätzel gewohnt haben, ist Inge Rowhani. In ihrem Buch “Nachricht vom Verlust der Welt”, das im mandelbaum Verlag erschienen ist, hat die Tochter der letzten Hausbesorgerin der Herklotzgasse 21 die Spuren ihrer Familie nachgezeichnet, die im 15. Bezirk ihren Ausgangspunkt nehmen. Sie nennt uns einen weiteren Namen: Moshe Jahoda. Moshe Jahoda war zu diesem Zeitpunkt Leiter der Claims Conference in Wien, pendelt zwischen Wien und Tel Aviv. Ein paar Tage später treffen wir ihn zu einem ersten Gespräch. Moshe Jahoda spricht vom “Dreieck seiner Kindheit” im 15. Bezirk – mit den “drei Zufluchtsburgen” Herklotzgasse 21, Turnertempel und Storchenschul.

Was folgt ist ein über zehn Jahre währendes Projekt der Aufarbeitung, der Dokumentation von Gesprächen mit Überlebenden in Israel und Amerika, mit Zeitzeug*innen in Wien, einer Ausstellung, einem Vermittlungsprojekt an Schulen im 15. Bezirk, einem
Buch über unser Projekt (Download noch möglich auf der Website), einem Audioguide im Bezirk, einer DVD und einem Denkmalwettbewerb und im letzten Jahr einer Platzbenennung in “Moshe Jahoda Platz”.

Unglaublich viele Menschen und Institutionen waren bei diesem Projekt beteiligt, buchstäblich keine Tür blieb verschlossen, alle haben sich geöffnet.

Allen voran war es Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal und sein Team, der das Projekt von Anfang an und bis heute aus voller Kraft und Überzeugung unterstützt hat, Jennifer Kickert, die damalige BV-Stellvertreterin und Birgit Hebein, sowie die gesamte Bezirkspolitik in Rudolfsheim-Fünfhaus. Ausserdem wurden wir unterstützt vom Zukunftsfonds der Republik Österreich, von Hannah Miriam Lessing und dem National Fund of the Republic of Austria and General Settlement Fund, von Boris Marte und Silvia Bohrn von der ERSTE Foundation, von der Kulturabteilung der Stadt Wien und über die Jahre noch von vielen mehr. Das Denkmal beim Turnertempel wurde speziell von Ricky Renier und KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien initiiert und unterstützt. Sehr viele Medien haben unser Projekt aufmerksam begleitet, allen voran W24 – Das Stadtfernsehen, das alle Geschichten und Stimmen der Überlebenden im Projekt “Strom der Erinnerung” dokumentiert hat. 

Es war ein gelungenes Beispiel von einer privaten Grätzlinitiative, die auf lauter Wohlwollen, offene Türen und Finanzierung von öffentlicher und privater Hand gleichzeitig zurückgreifen konnte und so nicht alleine, sondern im großen Verbund mit allen Akteur*innen eine Landmark der Erinnerungskultur in Wien setzten konnte. Dafür bin ich allen Beteiligten für immer von Herzen dankbar.

Das ist auch meine politische Vision: Menschen genau da ermuntern tätig zu werden, wo sie gerade einen Beitrag in dieser Stadt leisten möchten. Die Türen öffnen, nicht schliessen. Unterstützung anbieten und die Projekte der Einzelnen zu Projekten für Viele zu machen.

Projekt Herklotzgasse 21: www.herklotzgasse21.at
Videocredit: Daniel Oberlechner

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Über Erwerbs-Arbeitslosigkeit von älteren Menschen https://judith-puehringer.at/?p=461 Thu, 02 Jul 2020 23:15:35 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=461
Foto: Screenshot Kampagnenvideo

Über Erwerbs-Arbeitslosigkeit von älteren Menschen

“Zu Menschen Ja sagen, die viel zu oft ein Nein gehört haben.”

Menschen über 50 Jahre, die lange arbeitslos waren, haben de facto keine realistische Chance mehr, am Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Und das, obwohl Menschen immer älter werden und länger arbeiten wollen.

Die Aktion 20.000, von der letzten Bundesregierung vorzeitig gestoppt, war ein Erfolgsmodell auf vielen Ebenen: 1/3 der Menschen wurden weiterbeschäftigt, es gibt extrem hohe Zufriedenheit – sowohl bei denen, die Arbeit gefunden, aber auch bei denen, die Arbeit angeboten haben und auch bei denen, die von der Arbeit selbst profitiert haben.

arbeit plus hat in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien 9 Videos gedreht mit Menschen, die bei der Aktion 20.000 dabei waren: mit ehemals langzeitarbeitslosen älteren Menschen, mit Unternehmer*innen und mit Bürgermeister*innen.

Schaut euch die Playlist an mit insgesamt neun Videos. Schaut euch die Videos in Ruhe an.

Wenn man diesen Menschen zuhört, ist es geradezu ungeheuerlich, permanent Menschen zu unterstellen, dass sie Arbeit verweigern. Nein, ganz im Gegenteil: Menschen wollen (erwerbs)arbeiten, sie brauchen passende Angebote für Arbeit – vor allem da, wo der Markt versagt (und der Markt versagt bei langzeitarbeitslosen Menschen über 50 Jahre).

Das ist meine politische Vision für Wien: Es braucht Formen von öffentlich geförderter Beschäftigung für ältere langzeitarbeitslose Menschen – die Joboffensive 50plus muss unbedingt ausgebaut werden – Beschäftigung in Jobs, die dem Gemeinwohl und der Ökologie dienen, in Jobs, die in der Stadt gebraucht werden, in Jobs die einen gerechten Übergang ermöglichen.

Hier geht’s zur Youtube-Playlist mit allen Videos.

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Komm, sagte die Katze. https://judith-puehringer.at/?p=488 Sat, 04 Jul 2020 13:10:27 +0000 http://judith-puehringer.at/?p=488
Illustration (Ausschnitt): Mira Lobe/Angelika Kauffmann

Komm, sagte die Katze.

Auf dem Weg zu einer sozial-ökologischen Transformation von Arbeit und Arbeitsmarktpolitik*

 Was ist los?

„Aber es hörte nicht auf. Es regnete immer weiter. Das Wasser schwemmte die Erde weg. „Hilfe!“, sagte die Katze. „Mein Baum kippt um!“ Sie schlug ihre Krallen in die Zweige und hielt sich fest.“ (Mira Lobe: Komm, sagte die Katze)

Der Boden wankt, die Angst um eine sichere Zukunft breitet sich aus. Das Unbehagen wächst allerorts. Gesellschaftliche Spaltung ist nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern für alle spür- und sichtbar. Spaltung heißt, dass wir nicht mehr vereint sind in Vielfalt, sondern dass die Schwächsten und die, die ohnehin am Rand stehen, noch weiter hinausgedrängt und ausgeschlossen werden. Am Ende werden wir alle geschwächt, am Ende verlieren wir alle.

Bei den Themen Arbeit, Qualität der Arbeit und am Arbeitsmarkt zeigen sich die Risse, Verwerfungen und die Spaltungen besonders eindrücklich: Da sind Menschen, die ins Burnout rutschen und viel zu viele Stunden Erwerbsarbeit leisten einerseits, und da sind Menschen, die keine Arbeit haben und arbeitslos sind, andererseits. Da sind Menschen, die ab 50 Jahren vom Arbeitsmarkt einfach ausgeschlossen werden – auf Grund ihres Geburtsdatums. Da sind Menschen, die immer schon vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt waren und es auch weiterhin bleiben: geflüchtete Menschen, Migrant*innen, Menschen mit physischen und psychischen Erkrankungen, Menschen mit Suchterkrankungen oder mit Schulden.

Das Versprechen, dass Leistung und Arbeitseifer soziale Sicherheit, Anerkennung, ein existenzsicherndes Einkommen, Anerkennung und Achtung garantieren, ist längst erodiert und ins Wanken geraten. Dieses Versprechen gilt nicht mehr. Der Tausch von harter Arbeit und Leistung gegen soziale Anerkennung und Achtung funktioniert nicht mehr in Zeiten des Prekariats, brüchiger Erwerbsverläufe und Erwerbsbiografien und schwierigen Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt insgesamt. Verstärkt werden diese Hürden dann noch während oder nach Krankheit, mit zunehmendem Alter oder „erklärungsbedürftiger“ Herkunft. Für Frauen hat dieses Versprechen ohnehin noch nie umfassend gegolten, weil die von ihnen geleistete Sorge- und Reproduktionsarbeit gar nicht in gleichem Ausmaß wie Erwerbsarbeit zu sozialer Anerkennung führt.

Das fundamentale Bedürfnis von Menschen nach Achtung und Anerkennung wird aktuell mit Füßen getreten: bei der Kürzung der bedarfsorientierten Mindestsicherung für Menschen mit zu niedrigen Sprachkenntnissen, beim Streichen der Mindestsicherung für subsidiär Schutzberechtigte, beim Infragestellen des jetzigen Systems der Notstandshilfe, bei der Einstellung der Aktion 20.000 für ältere, langzeitarbeitslose Menschen, bei der Einführung des Familienbonus, der für die, die ohnehin schon wenig haben, einfach gar nicht vorgesehen ist, bei der Streichung des arbeitsmarktpolitischen Budgets für asylberechtigte Menschen.

Was wird geschehen?

„Da kam einer mit einem roten Fell und einer spitzen Schnauze. (…) „Hier ist kein Platz mehr!“ riefen die Tiere und machten sich so breit wie möglich. „Der nicht!“ (Mira Lobe: Komm, sagte die Katze)

Wenn der Boden wankt und sich die Angst um eine sichere Zukunft wie ein Feuer ausbreitet, dann gibt es grundsätzlich zwei sehr unterschiedliche Zugänge, mit Unsicherheit umzugehen. Einerseits kann Unsicherheit zu noch mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten führen, die Zukunft gemeinsam jenseits von Misstrauen und Unbehagen zu gestalten. Sie kann zu großen Innovationen, neuen mutigen Konzepten, radikal anders gedachten Entwürfen führen, die hoffnungsvoll und zukunftsgerichtet sind.

Unsicherheit kann aber auch dazu führen, dass das Gegenteil passiert, dass das Vertrauen nicht steigt, sondern sinkt. Wenn das Vertrauen sinkt, dann kommt es zu einem Rückzug in eine scheinbar sichere Burg. „Eine Burg, die schützt vor den eisigen Winden der Globalisierung, eine Burg, die ökonomische Sicherheit garantiert und den Schutz über das Wissen, wer von hier ist und wer nicht, wer dazu gehört und wer nicht, wo die Feinde klar benannt werden. (…) Die höchste Ambition in dieser Burg ist, dass die Gegenwart für immer dauern möge“ (Philipp Blom).

In der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik erleben wir gerade genau so einen Rückzug. Unter dem Motto „Möge die Gegenwart immer andauern“, oder noch besser „Mögen die guten alten Zeiten endlich wieder kommen“, zieht sich eine in die Vergangenheit gewandte Politik wie ein roter Faden durch das Regierungsprogramm: Die scheinbar Leistungsbereiten werden belohnt, die unwilligen und faulen Arbeitslosen sollen härter sanktioniert werden, Frauen sollen sich schrittweise aus dem Erwerbsleben zurückziehen. Für geflüchtete Menschen wird der Einstieg ins Erwerbsleben möglichst erschwert. Zusätzlich gelingt es gerade, dass diese Menschen, die verlieren, so dargestellt werden, als wären sie selbst schuld an diesen Verlusten.

Laut aktuellem Regierungsprogramm sollen das Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe zu einer einzigen Leistung zusammengeführt werden. Geplant ist ein mit der Zeit sinkendes „Arbeitslosengeld neu“, das jedoch nur für eine befristete Zeit ausbezahlt werden soll. Wer keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, soll in Zukunft nur mehr die Mindestsicherung erhalten. Damit droht auch in Österreich die Einführung eines an das deutsche Hartz IV erinnernden Modells. Ein Modell also, das Menschen in einem Hamsterrad ohne Perspektive und Aufstieg festhält.

Eine Arbeitsmarktpolitik und Sozialpolitik, die so agiert, verschärft soziale Ungleichheiten, verschärft Unsicherheit und Spaltung und lässt zu, dass viele Menschen auf dem Arbeitsmarkt aufgrund der Digitalisierung, aufgrund ihres Alters, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts keine Perspektive und damit keine Existenzsicherung mehr sehen werden. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung mit sich bringen wird, auch Menschen zu den Digitalisierungsverlierer*innen oder „digital abgehängten Menschen“ gehören werden. Genau diese Menschen werden in einem System, das sie schon jetzt ausgrenzt und marginalisiert, noch weiter an den Rand gedrängt werden und unter Druck kommen.

 Das Ganze der Arbeit

„Weiss jemand, wie man das macht?“ (…) „Das machen wir“, sagten die anderen Tiere. „Kommt!“, sagte die Katze.“ (Mira Lobe: Komm, sagte die Katze)

Arbeitsmarktpolitik zukunftsfähig, progressiv und inklusiv zu gestalten bedeutet immer, dass Arbeitsmarktpolitik in umfassende Transformationsprozesse eingebunden und eingeschrieben wird.

Ein zukunftsfähiges und gutes (Arbeits-)Leben für alle muss nach Adelheid Biesecker bedeuten, dass wir soziale und ökologische Nachhaltigkeit einerseits im Sinne einer intergenerationalen Gerechtigkeit (zwischen den heute lebenden und den zukünftigen Generationen) verstehen und auch als intragenerationale Gerechtigkeit zwischen den heute Lebenden (zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden geht) . Eine so verstandene Nachhaltigkeit enthält auch ein Integrationsgebot, nämlich die Integration von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Es braucht also die Wiedereinbettung eines Wirtschaftssystems, das sich in seiner Entstehung aus dem sozialen und dem ökologischen Bett „entbettet“ und von diesen entfernt hat (Karl Polanyi). Wirtschaft so verstanden, kann also nicht mehr nur ausgerichtet werden an Profitmaximierung, sondern muss sich am Erhalt seiner sozialen und ökologischen Basis orientieren – am Erhalt der Lebens- und Leistungsfähigkeit von Mensch und Natur.

Dazu braucht es zuallererst einen Perspektivenwechsel beim Thema Erwerbsarbeit. Wir müssen das „Ganze der Arbeit“ in den Blick nehmen und die Vielfalt der in ihm enthaltenen Arbeiten. Neben Erwerbsarbeit ist das Sorgearbeit, Eigenarbeit, bürgerschaftliches Engagement oder freiwillige Arbeit. Diese Arbeiten sind nicht nur ein Anhängsel an die Erwerbsarbeit, sondern eine ganze eigene Ökonomie, auf der die bisherige Marktökonomie basiert, ohne die sie gar nicht existieren könnte (Adelheid Biesecker).

Die Vielfalt des Arbeitens bringt eine „Vervielfältigung der Zeit“ mit sich. An die Stelle der einzigen, linearen Zeit treten ganze Zeitlandschaften mit unterschiedlichen Rhythmen und Geschwindigkeiten. Diese Zeitformen, in denen sich arbeitende Menschen befinden, müssen passfähig gemacht werden im Sinne einer Life-Work-Balance statt Work-Life-Balance – das bedeutet Erwerbsarbeit zu verkürzen und kompatibel mit Familienzeiten zu gestalten. Und es bedeutet auch, für die Sorgeprozesse die nötige Zeit zu lassen. Es braucht auch Zeiten für die Wiederherstellung der Natur.

Ansatzpunkte für Transformation dieses Erwerbsarbeitsbegriffs ist also einerseits das Thema Zeit und das Thema Bewertung in der Erwerbsarbeit: Eine quantitative Eingrenzung der linearen Zeit ist eine Vorbedingung, um andere Zeitformen für andere, sorgende Arbeitsprozesse zu entwickeln. Eine Verkürzung der Erwerbsarbeit schafft Möglichkeitsräume für die Sorge für junge, alte und kranke Menschen, Regenerationsprozesse der Natur, für Muße und für demokratische Teilhabe. 

Es geht außerdem um gesellschaftliche Umwertungsprozesse. Dazu gehören höhere Löhne und bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für bezahlte Sorgearbeit. Entscheidend für diese Umwertung ist die Aufwertung der bisher ausgegrenzten unbezahlten Sorgearbeit. Dabei ist ein zentraler Hebel die Umverteilung der gesamten Arbeit zwischen den Geschlechtern: Die Hälfte der Sorgearbeit gehört den Männern, die Hälfte der guten Erwerbsarbeit gehört den Frauen. Die Beteiligung der Väter ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern unbedingt notwendig, wenn die Umwertung gelingen soll: Wer keine Sorgearbeit leistet, lernt laut Adelheid Biesecker nicht das, was für die Transformation so entscheidend ist, nämlich das Hindenken zu Anderen, zu anderen Menschen und zur Natur und das Vorsorgen für deren zukünftige Lebendigkeit.

Transformative soziale Innovationen

Insgesamt, nicht nur im Bereich Arbeit und Arbeitsmarkt, erweisen sich traditionelle Prozesse, Angebote und Modelle zur Lösung gesellschaftlicher Probleme als wirkungsarm, wenig inklusiv, ökologisch nicht nachhaltig und werden den gesellschaftlichen Veränderungen nicht gerecht. Aber anstatt diesen Problemstellungen pessimistisch oder apathisch zu begegnen, braucht es neue Spielräume für individuelle, gemeinschaftliche und institutionelle Handlungsfähigkeit.  Wir müssen neue Projekte und Experimente initiieren („workable utopias“) und positive Zukunftsszenarien in der Öffentlichkeit verstärken. Den vielen gesellschaftlichen Herausforderungen sollte mit neuen Prozessen, Geschichten und neuen Formen von Organisation, nachhaltigem und sozialem Unternehmertum und Kollektivität („shared action“) entgegentreten.

Um eine Vereinzelung lokaler Projekte zu vermeiden und sozialen Wandel zu gestalten, ist es allerdings notwendig anzuerkennen, dass lokale Herausforderungen auf vielfältige Art mit globalen Handlungsweisen verbunden sind. Diese Verbundenheit von lokalen Projekten und regionalen Bewegungen mit globalen Entwicklungen benötigt daher auch andere Formen der Kooperation, der Gestaltung von Institutionen und der politischen Steuerung. Ein taugliches Governance-Modell, das diese Vielschichtigkeit anerkennt, muss vorhandene Macht- und Beteiligungsstrukturen reflektieren, sowie eine hohe partizipative An- und Einbindung von Zivilgesellschaft und Bürger*innen gewährleisten („bottom-linked governance model“). Diese vielfältigen Prozessinnovationen, die die bislang dominanten Arten der Zusammenarbeit, des Organisierens, Arbeitens und Wirtschaftens auf lokaler, regionaler und globaler Ebene verändern – könnte man transformative soziale Innovationen nennen. Das zeigt die Breite und den politischen Charakter des Begriffs auf, trennt ihn aber auch von alternativen Begriffsbestimmungen, die soziale Innovationen unabhängig von der Frage nach vorhandenen Machtasymmetrien, Beteiligungsstrukturen und inhärenten Leitprinzipien operationalisieren.

Eine Politik der Hoffnung

Was wir wahrscheinlich am dringendsten brauchen: Wir müssen der Politik der Angst eine Politik der Hoffnung entgegensetzen. Eine Politik der Hoffnung geht von einem zukunftsfähigen Arbeitskonzept aus. Ein zukunftsfähiges Arbeitskonzept geht davon aus, dass alle Tätigkeiten, die wir gestalten, mit der Lebensfähigkeit und den Lebensprozessen von der Gesellschaft und der Natur im Einklang stehen. Ein zukunftsfähiges Arbeitskonzept ist ein Konzept, das sowohl die Erwerbsarbeit als auch die Sorgearbeit miteinschließt. Ein zukunftsfähiges Arbeitskonzept ist auch eines, das ein mehrdimensionales Verständnis von Gerechtigkeit hat. Gerechtigkeit ist nicht nur Leistungsgerechtigkeit alleine. Gerechtigkeit bedeutet auch Chancengerechtigkeit und Fragen der Teilhabe, Gerechtigkeit heißt auch Verteilungsgerechtigkeit und Anerkennung. Gerechtigkeit verträgt sich also nicht mit dem Ausschluss von Menschen aus der ökonomischen und politischen Normalität der Gesellschaft.

Der Rückzug in die scheinbar sichere Burg, der Rückzug in eine vermeintlich heile Vergangenheit wird uns nicht retten. Was uns retten kann, ist ein großes Vertrauen in unsere Fähigkeiten, die Zukunft gemeinsam – jenseits von Misstrauen und Unbehagen – zu gestalten. Eine Politik, die dieses Vertrauen stärkt, wird jene Kräfte befeuern, die es braucht in Zeiten wie diesen. Eine Politik, die dieses Vertrauen stärkt, muss vor allem dafür sorgen, dass soziale, ökonomische und ökologische Strukturen entwickelt werden, die tragfähig sind und die tragen. Und zwar uns alle.

Verwendete und weiterführende Literatur

arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich (2017). 10 Punkte zu einem inklusiven Arbeitsmarkt für alle. Eine Wegbeschreibung für die neue Bundesregierung. Online: http://arbeitplus.at/wordpress/wp-content/uploads/2017/12/10-Punkte-fuer-einen-inklusiven-Arbeitsmarkt_20171228.pdf

arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich (Hrsg.) (2017). Langzeitarbeitslosigkeit. arbeit plus-Themenpapier, Online: http://arbeitplus.at/themenpapiere/langzeitarbeitslosigkeit/

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* Erschienen in: Nikolaus Dimmel, Tom Schmid (Hg.):
Zu Ende gedacht.
Österreich nach Türkis-Blau;
mandelbaum Verlag
Oktober 2018

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